Offener Brief an den Bezirksbürgermeister von Neukölln, Heinz Buschkowsky

Herr Buschkowsky,
wer nach Neukölln gehört und wer nicht, das ist für Sie klar. Neukölln liegt ja schließlich in Deutschland. Obwohl das Zeitgenossen wie Sie manchmal gar nicht mehr so recht glauben mögen. Dann dort wo früher noch so manche Schultheiss-Kneipe oder eine Metzgerei stand, in der man auch Schweinebraten kaufen konnte, stehen heute Döner-Imbissbuden und türkische Supermärkte. Das kommt einem kritischen Deutschen natürlich komisch vor. Sicher, als deutsche Unternehmen ab den frühen 60ern so viele Arbeitskräfte zum Ausbeuten gebraucht haben, dass nicht mal die fleißigen Deutschen noch gereicht haben, kamen die billigen „Gastarbeiter“ aus der Türkei gerade recht. Sie haben die schlechtesten Jobs bekommen und bekamen noch weniger Gehalt als die deutschen Lohnarbeiter.
Staat und Kapital waren zufrieden. Scharen billiger Arbeitskräfte machen sich gut für den Standort. Die meisten Deutschen fanden es tolerierbar, dass auch Ausländer hier schuften dürfen, solange sie dabei nicht um die gleichen Arbeitsplätze konkurrieren. Wie es den Menschen aus dem Ausland ging, war nicht weiter von Belang. Was zählte, war, dass sie sich rentieren, und das taten sie in mehrfacher Hinsicht: Als besonders billige Arbeitskärfte verschönerten sie auf profitträchtige Art und Weise Unternehmensbilanzen, beseitigten den relativen Arbeitskräftemangel und sorgten dabei – ganz nach dem Willen der Unternehmen, die sie billig verheizten – auch für eine „Stabilisierung“ der Löhne der deutschen Kollegen. Gleichzeitig waren sie gern gesehene Kunden von Wohncontainern, Bruchbuden und Kellerlöchern, mit denen sich ein ordentliches Geschäft machen ließ. Auch dass die eine oder andere DM über die Hände der „Gastarbeiter“ als Devise in der Türkei wieder auftauchte und mittelbar dem türkischen Staat ermöglichte, in Deutschland das einzukaufen, was türkische und deutsche Proleten unterm Kommando des Kapitals herstellten, störte nicht weiter; im Gegenteil. Somit herrschte rundum Zufriedenheit in Politk und Wirtschaft. Doch irgendwann war der Traum leider vorbei: auf der Suche nach weiterer profitträchtiger Lohnkostensenkung setzten Unternehmen mehr und mehr auf „Rationalisierung“. Immer mehr Stellen wurden abgebaut bei gleichzeitiger Intensivierung der Arbeit für die verbliebenen Lohnarbeiter. Mitte der 1980er konnte Deutschland schon auf stolze 2,5 Millionen Arbeitslose verweisen.
Anstatt wieder dorthin abzuhauen, wo Sie Ihrer Meinung nach hingehören, blieben diese Ausländer einfach da. Das war Bestandteil des Vertrages mit der Türkei. Und damit nicht genug, sie wollten sogar Frau und Kinder mit nach Deutschland holen. Diese Menschen hatten sogar noch die Frechheit, sich völlig gegen die Rechnungen der bundesdeutschen Bevölkerungspolitik zu stellen. Die hat nämlich ein chronisches Misstrauen gegenüber Leuten, die zwar hier geboren sind, aber irgendwie eben doch noch zur Nation ihrer Eltern und Großeltern halten und sei es nur dadurch, dass sie immer noch dieselbe Sprache sprechen. Da nutzt es nicht mal viel, zur Fußball-WM die Deutschlandfahne auszupacken. Da sie sich also auch noch „vermehrten“ und nun bereits in der dritten Generation hier leben, können, Sie die natürlich nicht mehr abschieben. Das wäre ja rechtsradikal und nur „ewig gestrige“ wie die NPD würden auf solche Gedanken kommen. Aber etwas tun, gegen diese Menschen, die der deutschen Wirtschaft inzwischen nicht mehr soviel nutzen wie einst, das muss natürlich schon sein.
Da wird zum Beispiel Integration verlangt. Die „Fremden“ sollen sich an „unsere Werte“ anpassen (also fließig für den deutschen Standort arbeiten, bescheiden sein beim Lohn und allem anderen und sich natürlich an die Gesetze halten), sie sollen sich nicht in „Parallelgesellschaften“ zurückziehen, sondern deutsch lernen und sich nicht unkontrollierbar durch die Staatsorgane zusammenrotten. Klar, ganz so einfach ist das nicht. Besteht nämlich eine Schulklasse aus 60-% Nicht-Deutschen ist das problematisch. Wenn sie aber nicht in die Schule gehen, um auf der Straße herumzulungern und ihre Zeit hauptsächlich damit verbringen, uns Deutschen das Leben schwer zu machen, ist es natürlich auch verkehrt. Es ist gar nicht so leicht es Ihnen als Migrant recht zu machen, Herr Buschkowsky!
Ihnen fällt so einiges auf, was „diese Menschen“ (Deutsche machen sowas natürlich sowieso nicht, die klauen nicht und grüßen auch immer nett, sogar den Flur kehren die) in „Ihrem“ Viertel so treiben. Da werden ständig Supermärkte überfallen, es wird in der dritten Reihe geparkt und überhaupt werden Anstand und Respekt völlig ignoriert. Und was machen die guten Deutschen, die natürlich nicht die Verhaltensweise wie „diese Menschen“ an den Tag legen? Sie kuschen, schauen weg und haben Angst. Und sie ziehen, laut Ihnen, den Schluss: „Ich mag diese Menschen nicht.“ Ein bemerkenswerter Schluss und zwar ganz abgesehen davon, dass Ihre Schilderungen einfach maßlos übertrieben sind. Wenn ich beobachte, wenn beispielsweise ein Supermarkt überfallen wird (ja in Ihrem Beispiel nichtmal für Geld, sondern für Essen!) denke ich mir: Da hatte wohl jemand kein Geld um zu bezahlen. Oder er hat seinen Job verloren und weiß nicht anders an Nahrung zu kommen. Vielleicht reicht ihm die Hartz4-Diät aus Kartoffeln und Porree Ihres guten Freundes Sarrazin auch nicht aus, um satt zu werden?
Solche Fragen interessieren Sie nicht. Sie verhandeln die Menschen die hier leben und versuchen irgendwie durchzukommen als Ordnungsproblem. Sie scheren sich nicht um die Probleme, die arme Menschen haben, sondern um die Probleme, die sie dem Staat und den guten Deutschen vielleicht machen. Und ich will nichtmal bestreiten, dass viele arme Menschen in Neukölln einen Migrationshintergrund haben und damit für sie Kriminalität oft nahe liegt. Es gibt auch Orte in Neukölln in denen ich nachts nicht gern alleine unterwegs bin. Aber im Gegensatz zu Ihnen weiß ich, woher Kriminalität kommt. Sie kommt aus einer Gesellschaft, in der das Privateigentum gilt und in der nicht mal das elementarste Bedürfnis nach Nahrung befriedigt werden kann, ohne dafür Geld zu bezahlen. Und nicht weil sie Ausländer mit anderen Sitten sind. Vielleicht ist Ihnen ja bekannt, dass Diebstahl auch in der Türkei oder im Libanon verboten ist.
Womit wir beim nächsten Problem wären: die Instanz, die diese Eigentumsgarantie durchsetzen soll, hat Ihnen zufolge in Neukölln nichts mehr zu sagen. Genau die Polizei, die in der Silvesternacht auf das Jahr 2009 den unbewaffneten Kleinkriminellen Dennis J. mit acht Schüssen aus nächster Nähe erschossen hat. Das nenne ich mal „Aggressionen bei der Ahndungspflicht.“ Und da ist Ihr Problem, dass einem Polizisten die Mütze geklaut wird?
Das ist natürlich nicht die Gewalt, die Sie meinen. Sie predigen die Gewaltlosigkeit, zu der Deutsche angeblich besser erzogen werden als Ausländer. Dabei ist es völlig klar zu welcher Gewalt Sie als Berufspolitiker und Bürgermeister die Treue halten: zur Staatsgewalt. Die soll mal richtig hart durchgreifen und gegen Menschen vorgehen, die sich einbilden, sie könnten ihren Hunger befriedigen ohne zu bezahlen. Dafür hetzen Sie mit Ihrem Buch die Leute auf. Die sollen nicht nur hinnehmen, was von Ihnen über sie verhängt wird, sie sollen auch noch dafür sein und sich als Teil der deutschen Gemeinschaft fühlen. Dass dabei vielleicht mal jemand zu weit gehen könnte und die ein oder andere Dönerbude in Flammen steht, das nehmen Menschen wie Sie locker in Kauf.
Revolutionäre Grüße
Die alltägliche Ohnmacht Neukölln


12 Antworten auf „Offener Brief an den Bezirksbürgermeister von Neukölln, Heinz Buschkowsky“


  1. 1 zackpeng 21. September 2012 um 13:59 Uhr

    Das hat man gerne: Urteile fällen basierend auf Auszügen eines Buches, die ausgerechnet von der Bild-Zeitung publiziert wurden. Von der einseitigen und stark verkürzten historischen Rückschau der Arbeitsmigration in die frühe Bundesrepublik will man erst gar nicht reden. Sicher, Polemik soll sein, aber bitte mit Köpf hen!

  2. 2 Administrator 21. September 2012 um 20:03 Uhr

    @zackpeng:

    ja, die urteile sind basierend darauf, na und? ich beziehe mich ja auch nur darauf und nicht auf dinge, die ich nicht kenne. ich kann auch ausschnitte eines buches kritisieren, sogar einzelne sätze. dann kritisiere ich halt die und dann können wir schauen, ob die kritik trifft oder nicht.
    es wäre gut, wenn du auch schreibst, was an miner analyse ‚verkürzt‘ ist. sicher ist der beitrag teilweise polemisch, ich stehe aber hinter den argumenten und meine, dass sie richtig sind. wenn du das anders siehst: bitte begründen.

  3. 3 Reiner 21. September 2012 um 23:42 Uhr

    Deine Dystopie verlängert natürlich auch die Denkmuster in ihrer Konsequenz (genügend „Deutsche“ auch verschwiegen, die sich gerne mit anderen Menschen/Völkern/Kulturen remixen). Aber ja, man fragt sich, was für ein Weltbild-Narrativ ein Bezirksbürgermeister da pusht. Klar.

    Es ist kein inspirierendes, motivierendes Buch, so viel kann man unbesehen feststellen. Die Form funktioniert positiv in der Aufrüttelung (hört mal, wir haben hier ein Problem, findet ihr nicht?), aus Buschkowskys instrumentalisierter und instrumentalisierender Schrift schmeckt man strukturell nazistischen Revanchismus raus (die Ausländer sind schuld und einfach nicht wegzukriegen, also lasst sie uns als Feindbild benutzen, auf das wir uns einigen können). So funktioniert jede gruppenbezogene Ausgrenzung…

    …bei den Piraten würde man sich manchmal eine Art Politikerfeindbild vorgestellt wünschen, auf das man sich einigen kann. Zum Zwecke der Eigen- und Fremdkritik.

    (@afelia hatte ja auch mal im TV ’nen Bundespräsidenten der Zukunft ersponnen. Super wichtige Trockenübung, finde ich. Nicht auf Personen, sondern Funktionen und Repräsentanz abheben. Medienkompetenz nicht nur beim Lesen, sondern auch beim Schreiben. Nochmal mit dem Internet neu schreiben lernen. Das sind jetzt nur Möglichkeiten.)

  4. 4 gähn 21. September 2012 um 23:57 Uhr

    Aber im Gegensatz zu Ihnen weiß ich, woher Kriminalität kommt. Sie kommt aus einer Gesellschaft, in der das Privateigentum gilt und in der nicht mal das elementarste Bedürfnis nach Nahrung befriedigt werden kann, ohne dafür Geld zu bezahlen.

    DAS ist die Ursache von Kriminalität? Das ist nicht dein ernst, oder?

  5. 5 Administrator 22. September 2012 um 17:56 Uhr

    @gähn: doch, ist es. und nun?
    für eigentumsdlikte eben.

  6. 6 Administrator 22. September 2012 um 17:58 Uhr

    @reiner:

    ich verstehe kein wort. jedenfalls ist der text keine dystopie, es geht ja nicht um die zukunft.

  7. 7 Felix 27. September 2012 um 0:35 Uhr

    Ich finde das ein super Statement und eine sehr gute Kritik an Buschowskys Thesen und verstehe weder Reiners intellektuelles Rumgeprotze in diesem Kontext auch überhaupt nicht. Weiter so! Gegen den rassistischen Normalzustand!

  8. 8 Walter 01. Oktober 2012 um 21:20 Uhr

    Das geht doch völlig am Inhalt des Buches vorbei. Das ist kein „die Ausländer sind schuld“-Buch.

  9. 9 Administrator 04. Oktober 2012 um 16:11 Uhr

    Der Text bezieht sich auf den Ausschnitt des Buches, der in der BLÖD-Zeitung veröffentlicht wurde. Ich habe nicht behauptet, dass Buschkowsky sagen würde, Ausländer seien an allem schuld. Ich habe versucht seine Sicht der Dinge darzulegen und zu kritisieren.

  10. 10 Jenek 07. Oktober 2012 um 15:22 Uhr

    Gratulation. Einen derart sarkastischen „Brief“ habe ich schon lange nicht mehr gelesen.
    Ich muss zugeben, es dauerte lange, bis ich den Witz dahinter erkannte. Doch durch die steigende Anzahl frappanter Rechtschreib-, Grammatik-, und Satzstellungsfehler (in Zeiten von Word/Pages etc.) war mir klar, dass dieser Brief nur als Zote dienen soll.
    Doch die Widersprüchlichkeiten und Milchmädchen-Vergleiche sind phänomenal. Die alltägliche Ohnmacht hat anscheinend auch beim Verstand zugeschlagen.
    Revolutionäre (im Sinne einer besseren Allgemeinbildung) Grüße
    Jenek

  11. 11 Administrator 07. Oktober 2012 um 17:37 Uhr

    Großes Kino auf Rechtschreibfehler hinzuweisen und auf den Inhalt nicht einzugehen. Man könnte ja z.B. sagen welcher Vergleich wo und warum nicht trifft. Aber dazu hat die Zeit wohl zwischen SZ-Magazin und Weißwurstfrühstück nicht gereicht.

  12. 12 Neuköllner 09. November 2012 um 8:43 Uhr

    Buschkowsky raus aus Neukölln!

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